Was bedeutet „Zone 22“?
Wenn Staub in der Luft vorhanden ist und sich unter bestimmten Bedingungen entzünden kann, spricht man von einer explosionsfähigen Atmosphäre. Innerhalb der Explosionsschutz-Richtlinien (ATEX) werden Bereiche danach klassifiziert, wie häufig und wie lange solche Atmosphären auftreten können.
Zone 22 bezeichnet Bereiche, in denen eine explosionsfähige Staubatmosphäre normalerweise nicht auftritt, aber im Fehlerfall oder bei Störungen kurzzeitig entstehen kann – zum Beispiel durch Aufwirbelung bei Reinigungsarbeiten oder durch Staubablagerungen, die in Bewegung geraten.
In vielen modernen Gefährdungsbeurteilungen wird dieses Szenario heute deutlich stärker berücksichtigt als früher. Staubablagerungen an Maschinen, in Ecken oder auf Motor-Lüfterhauben sind daher nicht nur „optisch unangenehm“, sondern können normativ relevant werden, wenn sie die Bildung einer zündfähigen Staubwolke ermöglichen.
Warum ist Zone 22 heute so relevant?
Es gibt keinen „neuen Gesetzestext nur für Zone 22“. Entscheidend ist vielmehr, dass sich der Stand der Technik im Explosionsschutz weiterentwickelt hat – und dieser wird bei Audits, Prüfungen und Gefährdungsbeurteilungen zunehmend herangezogen.
Das bedeutet in der Praxis:
- Normen und Leitfäden verlangen heute, auch geringe Staubfreisetzungen und Staubablagerungen in die Risikobewertung einzubeziehen.
- Bei Inspektionen wird erwartet, dass die Zoneneinteilung nachvollziehbar begründet ist – nicht nur auf Basis von Erfahrung oder „weil bisher nichts passiert ist“.
- Wenn ein Bereich als Zone 22 eingestuft wird, gelten dort die ATEX-Produktanforderungen für elektrische Betriebsmittel, also entsprechend zertifizierte Motoren und elektrische Ausrüstung.
Für Instandhalter entsteht hier häufig ein Spannungsfeld zwischen historisch gewachsenen Installationen (mit Standard-IEC-Motoren) und dem heutigen Dokumentations- und Nachweisbedarf. Genau hier hilft fachkundige Beratung, aus Unsicherheit belastbare Entscheidungen zu machen.
Was bedeutet das für Ihre Motoren?
Noch vor rund zehn Jahren wurden in staubexponierten Bereichen häufig Standard-IEC-Motoren eingesetzt. Solange eine Anlage nicht ausdrücklich als explosionsgefährdet eingestuft war, galten Staubablagerungen auf Motorhauben, Lüftergittern oder Klemmenkästen oft als betriebliches, nicht als sicherheitstechnisches Thema.
Mit der Weiterentwicklung der ATEX-Systematik und der internationalen Normen ab April 2016 begann sich dieses Bild zu ändern. Staubatmosphären wurden systematischer betrachtet und Zone 22 entwickelte sich von einer Randbetrachtung zu einer regulären Ex-Zone mit klaren Geräteanforderungen.
Diese Entwicklung setzte sich in den letzten Jahren fort, insbesondere mit den aktuellen Ausgaben der EN IEC 60079-31:2024 (Staubschutz durch Gehäuse). Darin wurden unter anderem Anforderungen an staubdichte Gehäuse, zulässige Oberflächentemperaturen sowie an Klemmenkästen und Kabelverschraubungen präzisiert – vor allem für Geräte in Zone 22 mit EPL Dc.
Parallel dazu wurden die Normen IEC 60079-17:2023 (Inspektion und Instandhaltung) sowie IEC 60079-14:2024 (Auswahl, Installation und Erstprüfung) aktualisiert. In der Praxis bedeutet das: Die ATEX-Zulassung eines Motors, seine Kennzeichnung und seine Einbindung in die Dokumentation müssen heute zum aktuellen Stand der Technik passen.
Noch deutlicher wurde dieser Trend mit der Überarbeitung der deutschen TRGS 722 im Jahr 2025. Dort wird betont, dass bereits geringe Staubablagerungen und die Möglichkeit ihrer Aufwirbelung bei Störungen oder Reinigungsarbeiten in die Gefährdungsbeurteilung einzubeziehen sind. Bei Unsicherheit soll dabei eher konservativ beurteilt werden.
In vielen Anlagen führt das dazu, dass Zone 22 heute häufiger angesetzt wird als früher, als realistisches Ergebnis moderner Risikobewertungen.
Für Elektromotoren hat diese Entwicklung eine klare Konsequenz:
Ein Standard-IEC-Motor nach IEC 60034 oder IEC 60072 kann mechanisch weiterhin passen. Wenn der Einsatzbereich jedoch als Zone 22 klassifiziert ist, erfüllt er ohne ATEX-Zertifizierung nicht mehr die Anforderungen aus IEC 60079-10-2, der ATEX-Produktrichtlinie 2014/34/EU und der ATEX-Betriebsrichtlinie 1999/92/EG.
Ähnlich wie bei der Einführung neuer Wirkungsgradklassen (z. B. IE4) gilt: Alte Technik kann weiterlaufen – sie entspricht aber nicht mehr automatisch dem heutigen Stand der Technik.
In einer bestätigten Zone 22 ist der auditfeste Standard deshalb ein ATEX-zertifizierter Ex-Motor.
Der Weg zu einer belastbaren Entscheidung
Für Instandhalter bedeutet das in der Praxis:
- Zoneneinteilung prüfen: Wo Staub freigesetzt werden kann oder sich ablagert, sollte geprüft werden, ob nach heutiger Methodik eine Zone 22 vorliegt.
- Geeignete ATEX-Motoren auswählen: Für Zone 22 stehen Ex-Motoren mit Staubschutz (z. B. Ex-t-Gehäuse) in vergleichbaren Baugrößen zu Standard-IEC-Motoren zur Verfügung.
- Dokumentation mitdenken: Ex-Kennzeichnung, technische Unterlagen und Prüfprotokolle müssen vollständig verfügbar sein.
- Betriebskonzepte berücksichtigen: Umrichterbetrieb, Temperaturüberwachung und Schutzfunktionen beeinflussen die Ex-Zulassung und müssen mit betrachtet werden.
So wird aus einer früher oft „weichen Einschätzung“ ein konkreter, prüffähiger Explosionsschutz-Nachweis.
Tipp aus der Praxis: Retrofit statt Risiko
In vielen Fällen lässt sich ein Standard-Motor durch einen ATEX-konformen Motor gleicher Baugröße ersetzen, ohne aufwendige mechanische Änderungen. Moderne Ex-Motoren sind häufig mechanisch kompatibel – ähnlich wie beim Austausch älterer Motoren gegen effizientere IE-Klassen.
Das spart Kosten, reduziert Risiken und bringt Ihre Anlage auf den aktuellen Stand der Technik.
Staub sehen – richtig handeln
Staub ist immer ein Hinweis auf potenzielles Risiko. Ob daraus tatsächlich eine Zone 22 wird, entscheidet die Gefährdungsbeurteilung. In vielen Betrieben zeigt sich dabei heute: Staubzonen werden häufiger und klarer ausgewiesen als früher.
Standard-Motoren, auch wenn sie mechanisch passen, erfüllen diese Anforderungen dann nicht automatisch. Prüfen Sie deshalb Ihre Antriebstechnik gemeinsam mit einem kompetenten Partner. Die Vertriebsingenieure von MOLL-MOTOR unterstützen Sie bei der Auswahl passender, ATEX-zertifizierter Motoren – damit Sicherheit und Dokumentation auf dem Stand der 2020er-Jahre sind.



